Mittwoch, 30. April 2008

Vatersuche in Kabul

Eigentlich müsste Nadjib gerade in Göteborgs Universität im Hörsaal sitzen. Doch statt blau zu machen und zu faulenzen, läuft der 25-jährige Informatikstudent durch Kabul in Afghanistan und sucht seinen Vater. Vor 20 Jahren hat er ihn das letzte Mal gesehen.

Nadjib hat nur einen Zettel mit einer handschriftlich notierten Adresse, die ihn zu seinem Vater führen soll. „Ich kann mich aber noch an das Haus erinnern“, sagt er. Es befindet sich in Karte 3, einem Stadtviertel Kabuls, der Hauptstadt Afghanistans, das während der russischen Besatzung und den anschließenden Kriegen zwischen Mudschahedin und Taliban fast komplett zerstört wurde. Er ist nervös, weiß nicht, was ihn erwartet.

Vor genau 20 Jahren (1988) verließ seine Mutter mit ihm und seinen vier Geschwistern das Land - ohne den Vater. „Der war von einem auf den anderen Tag verschwunden“, erinnert er sich. Warum, das wisse er nicht. Alle Verwandten, die bereits ins Ausland geflohen waren, hätten ihnen dringend geraten, möglichst schnell abzuhauen. „Wir landeten in Kassel“, so Nadjib. Kaum ein Jahr später, 1989, mit dem Ende der russischen Besatzung, begann der „Bruderkrieg“ zwischen den Mudschahedin - und das Land versank im Chaos.

„Ich will wissen, warum er nicht mit- oder nachgekommen ist“, sagt Nadjib. Außerdem sei sein Vater, Lutfull heißt er, mittlerweile 75 Jahre alt. Deshalb wolle er ihn unbedingt noch einmal in seinem Leben sehen. Es habe zwar Kontakt gegeben, allerdings nur sporadisch - und oft nur dann, wenn er in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sei. „Er lebt wohl von einem Tag auf den anderen“, vermutet Nadjib. Dabei habe sein Vater früher als angesehener Arzt und Internist in Kabul gearbeitet.

Seit zwei Tagen versucht Nadjib, seinen Vater in „ihrem“ alten Haus anzutreffen. Er trägt die traditionelle Kleidung der Afghanen, ein langes Hemd und Pluderhose. Für seinen Besuch hat er sich absichtlich einen Bart stehen lassen, der allerdings den Eindruck macht, als wolle er nicht richtig wachsen. Auch sein Dari, eine der Landessprachen in Afghanistan, klingt wie das eines Auslands-Afghanen mit deutschem Akzent, denn nachdem er in Freiburg Informatik auf Bachelor studiert hat, hängt Nadjib nun in Schweden seinen Master dran.

„Das hätte ich nicht erwartet!“, entfährt es ihm, als er zum ersten Mal sein beziehungsweise das Haus seiner Vaters sieht. Es ist total heruntergekommen. Im Dach klafft ein Loch von einem Raketeneinschlag. Alles ist kaputt und verdreckt. Einschusslöcher zieren die Wände. Er hatte das anders in Erinnerung: „Sauber, gepflegt, grüner Garten.“ Enttäuscht sei er trotzdem nicht, immerhin habe er sich das im Vorfeld ähnlich ausgemalt - vielleicht nicht ganz so krass.

Der erste Versuch, seinen Vater zu treffen, schlägt fehl. Er ist nicht da. Dafür interessieren sich die Polizisten, die in der Nähe stehen, für den „Afghanen“, der sich dieses kaputte Haus ansieht. Sie fragen ihn, was er hier wolle. „Ich komme aus Mazar-e Sharif und möchte einen Freund besuchen“, flunkert Nadjib, der seinen Vater gerne überraschen möchte. Die Polizisten glauben ihm und laden ihn zum Tee ein. „Ich gehe als Afghane durch“, freut sich der Student im Nachhinein, obwohl er ja eigentlich in Kassel aufgewachsen und deutscher Staatsbürger ist.

„Vor meinem ersten Besuch in Afghanistan war ich sehr unsicher“, sagt der Informatiker. Er habe Angst vor Anschlägen und Entführungen gehabt. Durch das Zusammentreffen mit den Menschen hier habe sich jedoch in den zwei Wochen ein anderes Bild in ihm geformt: „Die Leute sind herzlich und wahnsinnig gastfreundlich.“ Außerdem wolle die Mehrheit einfach in Ruhe und Frieden leben. „Viele haben keine Perspektive - und schlagen sich trotzdem durch.“ Mittlerweile könne er sich sogar vorstellen, in den Semesterferien in Kabul zu arbeiten: „Ich würde gerne Computerkurse geben, einfach etwas für die Bildung der Afghanen tun“, so Nadjib. Doch das sei noch Zukunftsmusik, erst einmal stehe die Begegnung mit seinem Vater an.

„Ich bin‘s, ich bin‘s“, wiederholt Nadjib, als er seinem Vater endlich gegenübersteht. Doch der braucht eine Weile, bis er seinen Sohn erkennt. Dann umarmen sie sich. Lutfull, seinem Vater, laufen Tränen über die Wangen. Auch Nadjib ist gerührt. „Ich war so nervös“, sagt der 25-Jährige, doch das sei jetzt wie weggeblasen. Zum ersten Mal seit 20 Jahren sieht er seinen Vater wieder - und betritt das Haus, in dem er den Anfang seiner Kindheit verbracht hatte.

Im ersten Stock des Hauses lebt Nadjibs Onkel mit seiner Familie. Ein Stockwerk darüber, unter dem von einer Rakete zerstörten Dach, ist die Wohnung seines Vaters. Die gesamte Familie sitzt beim Tee zusammen, auch viele Freunde sind gekommen. Alle freuen sich über das Erscheinen des „verlorenen“ Sohnes. Und doch ist die Situation nicht ganz einfach: Immerhin wolle er erfahren, warum sein Vater nie Anstalten gemacht habe, nach Deutschland zu kommen, erklärt er.

Und das diese Frage nicht einfach zu klären ist, so mal schnell in einer Woche nach 20 Jahren, erfährt der Student am eigenen Leibe: „Ich habe ihn gefragt, und immer, wenn andere Leute anwesend waren, hat er gesagt, dass er zu seiner Familie will.“ Das hätten auch seine Freunde bestätigt. In ruhigen Momenten allerdings, habe er sich ganz anders geäußert, wundert sich Nadjib. Überhaupt sei sein Vater sehr launisch und das ganze Thema ihm wohl unangenehm. In Afghanistan ist es nämlich nicht üblich, dass eine Frau ihren Mann verlässt. „Das mag in den 70ern noch möglich gewesen sein, aber heutzutage ist das schwer zu erklären“, erläutert Nadjib.

Der Plan einer Familienzusammenführung gescheitert? „Ich bin leider nicht in der Lage, ihn mitzunehmen“, sagt der 25-Jährige, was, wie er verrät, sein Plan in der Hintertasche gewesen sei. Ein Visum für Deutschland zu bekommen, sei schier unmöglich. „Außerdem habe ich das Gefühl, dass er hier gar nicht weg möchte, obwohl es ihm hier nicht gut geht.“ Sein Alter mache ihm zu schaffen. Jetzt probiert Nadjib wenigstens ein Treffen in Dubai zu arrangieren. Deshalb telefoniert er auch tagtäglich mit seiner Schwester in Deutschland. Dem Rest der Familie, vor allem seiner Mutter, habe er nichts von seiner Afghanistan-Reise erzählt: „Erst wenn ich wieder in Dubai bin, darf meine Schwester das verbreiten. Meine Mutter würde sonst vor Sorge kein Auge zu machen.“

Auch wenn er nicht wisse, ob das mit dem Treffen in Dubai klappt, habe sich die Reise gelohnt: „Ich habe nach 20 Jahren meinen Vater wiedergesehen.“ Außerdem habe sich ihm Kabul und Afghanistan von einer anderen Seite gezeigt, als er es den europäischen Medien entnommen habe. So würde nie zu Wort kommen, was positiv an Afghanistan sei, moniert der Student: „Die Menschen, die sind positiv. Wenn ein Afghane lacht, dann von innen!“ Nadjib ist sich sicher: Er wird wiederkommen - und wenn es vorab nur in den Semesterferien möglich ist. Auf das Schwänzen will er nächstes Mal verzichten.

Montag, 14. April 2008

Morgenstund tut Ampel kund

Das sind die kleinen Ereignisse, die die Fahrt zur Arbeit allmorgendlich versüßen: Heute standen wir doch tatsächlich vor der ersten funktionierenden Ampel in ganz Kabul. Ich musste mich erst noch an diesen Anblick gewöhnen. Es gibt zwar schon - auch vor unserem Büro - eine Ampel, die hält es aber wie manche Koalition in Deutschland: Sie zeigt alle Farben gleichzeitig.

Dass die afghanischen Autofahrer allerdings mit den bunten Lampen (noch) nichts anfangen können, zeigte die Verkehrsschulung auf der Straße. War die Ampel rot, marschierten die Verkehrspolizisten von Auto zu Auto und erklärten den Fahrern, was es denn mit diesem wunderlichen Licht auf sich habe - nämlich Stopp!

Dass der Verkehr, als die Ampel wieder auf grün schaltete, völlig zusammenbrach, weil jeder ja nun wieder in alle Richtungen fahren durfte, spielte wohl eine untergeordnete Rolle. Ich sage nur: wunderbarer Anblick. Konfusion auf Kabuls Straßen, ausgelöst durch bunte Lichter...

Dienstag, 8. April 2008

Wer entdeckt den Lacher?

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Samstag, 29. März 2008

Verbundenheit

Die Menschen sind Glieder miteinander verwoben,
Von gleichem Stoff aus der Schöpfung gehoben,
Hat das Leben ein Glied mit Schmerz versehen,
Die anderen Glieder vor Leid vergehen.
Du, der kein Mitleid mit anderen kennt,
Bist unwürdig, dass man dich einen Menschen nennt.

(Saadi, 13. Jhdt.)

Freitag, 28. März 2008

Der gute Rat

Weißt du noch, als du kamst,
Wie du weintest und alle lachten.
Leb so, dass wenn einst du gehst,
Du lachst und alle weinen.

(Ferdowsi, 10./11. Jhdt.)

Afghanische Berühmtheiten

Melde mich zurück! Nach knapp drei Monaten im schönen Deutschland, habe ich nun wieder den Fuß auf afghanischen Boden gesetzt. Und gestern habe ich doch tatsächlich einen herausragendenden afghanischen Künstler kennengelernt. Sein Name ist Programm: Farhad Darya. Er lebt in Deutschland, Peter Maffay zählt zu seinen besten Freunden, und engagiert sich sehr stark für Straßenkinder in Afghanistan. Eines seiner bekanntesten Lieder heißt "Afghanistan Salam". Reinhören lohnt sich.

Montag, 25. Februar 2008

Wärme für Flüchtlingsfamilien in der bitteren Winterkälte Kabuls

Spende aus Frankfurt: Das Komittee für die Beteiligung von Frauen an der Politik und DED-Mitarbeiter verteilen Gasflaschen an die Ärmsten der Armen in Kabul.

Der Winter in Afghanistan ist in diesem Jahr besonders streng. Minus 27 Grad wurden schon gemessen – über 1000 Menschen sollen, offizellen Angaben zufolge, an der Kälte gestorben sein. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches größer.

Besonders hart trifft es die Flüchtlinge, die in notdürftig zusammengezimmerten und zugigen Unterkünften ausharren, ohne Winterkleidung und ohne Öfen. Frauen aus Frankfurt haben insgesamt 1250 Euro gespendet, um den Ärmsten der Armen wenigstens ein bisschen Linderung zu geben. Mit dem Geld wurden Gasflaschen gekauft und an 150 Familien in den Flüchtlingslagern Kabuls verteilt. Sie können damit ihre Zelte beheizen und eine warme Malzeit kochen – für viele die erste seit Wochen.

Die Arbeit vor Ort übernahmen ehrenamtlich das Kommitte für die Beteiligung von Frauen an der Politik (WPPC) in Kabul, sowie Mitarbeiter des DED Afghanistan. Zunächst recherchierten die Helfer, welche Flüchtlingsfamilien in Kabul am Härtesten betroffen waren. An der Verteilung selbst waren vom DED Dr. Alema, Jamil Zadarzada und Elias Yousufzai beteiligt, von WPPC Gulolai Habib. Die DEDVerwaltungsassistentin Ingrid Sobel steuerte privat weitere 200 Dollar zur Unterstützung der bedürftigen Familen bei. Die Aktion dokumentierte Fardin Waidi von„Aina“-Foto mit der Kamera.

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Dr. Alema (DED) und Gululai Habib (WPPC) verteilen Pakete. (oben). Foto: Fardin Waezi

Mittwoch, 5. Dezember 2007

"Der Aufschwung reißt mit"

Beratung der Kommunalverwaltung in Imam Sahib trägt erste Früchte: Neue Brücke, neue Straßen und bald zum ersten Mal Strom seit 50 Jahren

Der Tee ist kaum eingegossen, steht schon der erste Bürger mit seinem Anliegen im Büro des Bürgermeisteramts in Imam Sahib. „Die Preise für Brot sind zu unterschiedlich“, beschwert sich der Einwohner der kleinen Stadt im Norden Afghanistans. Der Bürgermeister und sein DED-Berater, Dr. Amir Barekzai, lauschen dem Anliegen und beraten anschließend ihr weiteres Vorgehen. Sie arbeiten zusammen, teilen sich ein Büro - und die Probleme des kleinen Städtchens.

Barekzai unterstützt die Kommunalverwaltung von Imam Sahib. Er hilft dabei, Strukturen in der Verwaltung aufzubauen und dadurch ein Klima zu schaffen, welches die einheimische Wirtschaft fördert. Dazu gehören beispielsweise die Neuordnung des Basarbereichs, der Neubau einer Brücke über den Fluss Amur Darya und alles, was zur Verbesserung des Stadtbildes beiträgt. Aber auch für die „kleinen“ Anliegen der Bürger haben der Bürgermeister und sein Berater immer ein offenes Ohr: „Wir sind auch Ansprechpartner für Probleme in der Familie.“

„Anfangs musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Barekzai. Gerade der Bürgermeister habe zu Beginn motiviert werden müssen, „aber jetzt packt er richtig an“. Auch die Leute in Imam Sahib begrüßen mittlerweile die Maßnahmen, die sie zum Teil selbst tragen müssen. „Der sichtbare Aufschwung reißt sie mit“, so Barekzai.

So wurden fast alle Straßen in Imam Sahib mit neuem Schotter versehen und geebnet. Für die Verwaltung wurden neue Computer angeschafft und regelmäßige Schulungen der Angestellten in der Bedienung abgehalten. Außerdem wurde mit Tadschikistan ein Vertrag über die Lieferung von Elektrizität unterschrieben: „In anderthalb Jahren soll jedes Haus hier über Strom und Zähler verfügen“, fügt Barekzai hinzu. Das wäre das erste Mal seit 50 Jahren, dass Imam Sahib an ein Stromnetz angeschlossen wäre.

Das Problem mit dem Brotpreis ist indes auch gelöst worden: Die Bäcker der Stadt wurden eingeladen und haben sich in einer Diskussion auf einen gemeinsamen Preis geeinigt. Dieser wird nun stichprobeweise von den Mitarbeitern des Bürgermeisteramts kontrolliert. Wer bei einem Verstoß erwischt wird, bekommt eine Mahnung und muss ein Strafgeld zahlen. Die Bußgelder gehen ohne Umweg direkt an die Bank. Barekzai unterstützt diese Maßnahme, die der Korruption vorbeugen soll: „Das Amt muss sauber bleiben.“

Donnerstag, 22. November 2007

"Bundesair" oder "Y-Reisen"

Mit der Transall C-160 ging es von Kabul nach Masar und Kunduz. Eigentlich - bis auf die Lautstärke - keine unangenehme Reisemöglichkeit. Beim Stopover in Mazar blieb sogar Zeit für einen Kaffee plus Snack. Auch Check-in und Umsteigen laufen viel entspannter ab als bei manch ziviler Flotte. Dafür sind die Sitze nicht sonderlich bequem und man kuschelt manchmal unfreiwillig mit dem bis an die Zähne bewaffneten Amerikaner, der neben einem sitzt. Auch die Start- und Landemanöver sind gewöhnungsbedürftig: Schnell hoch und schnell wieder runter. Vom Abschießen der Flairs mal ganz abgesehen... (Flairs: Automatischer Selbstschutzmechanismus gegen Raketenbeschuss). Der Rückflug war zudem - leider - mit Blackwater gefüllt: Drei Ausbilder und ihr afghanisches Material zum Verheizen.


Transall C-160 nach der Landung in Kunduz


Es werde Licht: Ausstieg in Kabul


Hier sitzt der Lademeister - oder auch Steward

Afghâneßtân

Leben in Kabul

ßalâm alaykom

mehmâne-e mâ schaw-êd!

Dschadêd

Vatersuche in Kabul
Eigentlich müsste Nadjib gerade in Göteborgs...
maexn - 30. Apr, 18:57
warte nur ab. nicht mehr...
warte nur ab. nicht mehr lange, und sie schimpfen,...
7an - 14. Apr, 14:07
Morgenstund tut Ampel...
Das sind die kleinen Ereignisse, die die Fahrt zur...
maexn - 14. Apr, 08:44

Qadêmê

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