Vatersuche in Kabul
Eigentlich müsste Nadjib gerade in Göteborgs Universität im Hörsaal sitzen. Doch statt blau zu machen und zu faulenzen, läuft der 25-jährige Informatikstudent durch Kabul in Afghanistan und sucht seinen Vater. Vor 20 Jahren hat er ihn das letzte Mal gesehen.
Nadjib hat nur einen Zettel mit einer handschriftlich notierten Adresse, die ihn zu seinem Vater führen soll. „Ich kann mich aber noch an das Haus erinnern“, sagt er. Es befindet sich in Karte 3, einem Stadtviertel Kabuls, der Hauptstadt Afghanistans, das während der russischen Besatzung und den anschließenden Kriegen zwischen Mudschahedin und Taliban fast komplett zerstört wurde. Er ist nervös, weiß nicht, was ihn erwartet.
Vor genau 20 Jahren (1988) verließ seine Mutter mit ihm und seinen vier Geschwistern das Land - ohne den Vater. „Der war von einem auf den anderen Tag verschwunden“, erinnert er sich. Warum, das wisse er nicht. Alle Verwandten, die bereits ins Ausland geflohen waren, hätten ihnen dringend geraten, möglichst schnell abzuhauen. „Wir landeten in Kassel“, so Nadjib. Kaum ein Jahr später, 1989, mit dem Ende der russischen Besatzung, begann der „Bruderkrieg“ zwischen den Mudschahedin - und das Land versank im Chaos.
„Ich will wissen, warum er nicht mit- oder nachgekommen ist“, sagt Nadjib. Außerdem sei sein Vater, Lutfull heißt er, mittlerweile 75 Jahre alt. Deshalb wolle er ihn unbedingt noch einmal in seinem Leben sehen. Es habe zwar Kontakt gegeben, allerdings nur sporadisch - und oft nur dann, wenn er in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sei. „Er lebt wohl von einem Tag auf den anderen“, vermutet Nadjib. Dabei habe sein Vater früher als angesehener Arzt und Internist in Kabul gearbeitet.
Seit zwei Tagen versucht Nadjib, seinen Vater in „ihrem“ alten Haus anzutreffen. Er trägt die traditionelle Kleidung der Afghanen, ein langes Hemd und Pluderhose. Für seinen Besuch hat er sich absichtlich einen Bart stehen lassen, der allerdings den Eindruck macht, als wolle er nicht richtig wachsen. Auch sein Dari, eine der Landessprachen in Afghanistan, klingt wie das eines Auslands-Afghanen mit deutschem Akzent, denn nachdem er in Freiburg Informatik auf Bachelor studiert hat, hängt Nadjib nun in Schweden seinen Master dran.
„Das hätte ich nicht erwartet!“, entfährt es ihm, als er zum ersten Mal sein beziehungsweise das Haus seiner Vaters sieht. Es ist total heruntergekommen. Im Dach klafft ein Loch von einem Raketeneinschlag. Alles ist kaputt und verdreckt. Einschusslöcher zieren die Wände. Er hatte das anders in Erinnerung: „Sauber, gepflegt, grüner Garten.“ Enttäuscht sei er trotzdem nicht, immerhin habe er sich das im Vorfeld ähnlich ausgemalt - vielleicht nicht ganz so krass.
Der erste Versuch, seinen Vater zu treffen, schlägt fehl. Er ist nicht da. Dafür interessieren sich die Polizisten, die in der Nähe stehen, für den „Afghanen“, der sich dieses kaputte Haus ansieht. Sie fragen ihn, was er hier wolle. „Ich komme aus Mazar-e Sharif und möchte einen Freund besuchen“, flunkert Nadjib, der seinen Vater gerne überraschen möchte. Die Polizisten glauben ihm und laden ihn zum Tee ein. „Ich gehe als Afghane durch“, freut sich der Student im Nachhinein, obwohl er ja eigentlich in Kassel aufgewachsen und deutscher Staatsbürger ist.
„Vor meinem ersten Besuch in Afghanistan war ich sehr unsicher“, sagt der Informatiker. Er habe Angst vor Anschlägen und Entführungen gehabt. Durch das Zusammentreffen mit den Menschen hier habe sich jedoch in den zwei Wochen ein anderes Bild in ihm geformt: „Die Leute sind herzlich und wahnsinnig gastfreundlich.“ Außerdem wolle die Mehrheit einfach in Ruhe und Frieden leben. „Viele haben keine Perspektive - und schlagen sich trotzdem durch.“ Mittlerweile könne er sich sogar vorstellen, in den Semesterferien in Kabul zu arbeiten: „Ich würde gerne Computerkurse geben, einfach etwas für die Bildung der Afghanen tun“, so Nadjib. Doch das sei noch Zukunftsmusik, erst einmal stehe die Begegnung mit seinem Vater an.
„Ich bin‘s, ich bin‘s“, wiederholt Nadjib, als er seinem Vater endlich gegenübersteht. Doch der braucht eine Weile, bis er seinen Sohn erkennt. Dann umarmen sie sich. Lutfull, seinem Vater, laufen Tränen über die Wangen. Auch Nadjib ist gerührt. „Ich war so nervös“, sagt der 25-Jährige, doch das sei jetzt wie weggeblasen. Zum ersten Mal seit 20 Jahren sieht er seinen Vater wieder - und betritt das Haus, in dem er den Anfang seiner Kindheit verbracht hatte.
Im ersten Stock des Hauses lebt Nadjibs Onkel mit seiner Familie. Ein Stockwerk darüber, unter dem von einer Rakete zerstörten Dach, ist die Wohnung seines Vaters. Die gesamte Familie sitzt beim Tee zusammen, auch viele Freunde sind gekommen. Alle freuen sich über das Erscheinen des „verlorenen“ Sohnes. Und doch ist die Situation nicht ganz einfach: Immerhin wolle er erfahren, warum sein Vater nie Anstalten gemacht habe, nach Deutschland zu kommen, erklärt er.
Und das diese Frage nicht einfach zu klären ist, so mal schnell in einer Woche nach 20 Jahren, erfährt der Student am eigenen Leibe: „Ich habe ihn gefragt, und immer, wenn andere Leute anwesend waren, hat er gesagt, dass er zu seiner Familie will.“ Das hätten auch seine Freunde bestätigt. In ruhigen Momenten allerdings, habe er sich ganz anders geäußert, wundert sich Nadjib. Überhaupt sei sein Vater sehr launisch und das ganze Thema ihm wohl unangenehm. In Afghanistan ist es nämlich nicht üblich, dass eine Frau ihren Mann verlässt. „Das mag in den 70ern noch möglich gewesen sein, aber heutzutage ist das schwer zu erklären“, erläutert Nadjib.
Der Plan einer Familienzusammenführung gescheitert? „Ich bin leider nicht in der Lage, ihn mitzunehmen“, sagt der 25-Jährige, was, wie er verrät, sein Plan in der Hintertasche gewesen sei. Ein Visum für Deutschland zu bekommen, sei schier unmöglich. „Außerdem habe ich das Gefühl, dass er hier gar nicht weg möchte, obwohl es ihm hier nicht gut geht.“ Sein Alter mache ihm zu schaffen. Jetzt probiert Nadjib wenigstens ein Treffen in Dubai zu arrangieren. Deshalb telefoniert er auch tagtäglich mit seiner Schwester in Deutschland. Dem Rest der Familie, vor allem seiner Mutter, habe er nichts von seiner Afghanistan-Reise erzählt: „Erst wenn ich wieder in Dubai bin, darf meine Schwester das verbreiten. Meine Mutter würde sonst vor Sorge kein Auge zu machen.“
Auch wenn er nicht wisse, ob das mit dem Treffen in Dubai klappt, habe sich die Reise gelohnt: „Ich habe nach 20 Jahren meinen Vater wiedergesehen.“ Außerdem habe sich ihm Kabul und Afghanistan von einer anderen Seite gezeigt, als er es den europäischen Medien entnommen habe. So würde nie zu Wort kommen, was positiv an Afghanistan sei, moniert der Student: „Die Menschen, die sind positiv. Wenn ein Afghane lacht, dann von innen!“ Nadjib ist sich sicher: Er wird wiederkommen - und wenn es vorab nur in den Semesterferien möglich ist. Auf das Schwänzen will er nächstes Mal verzichten.
Nadjib hat nur einen Zettel mit einer handschriftlich notierten Adresse, die ihn zu seinem Vater führen soll. „Ich kann mich aber noch an das Haus erinnern“, sagt er. Es befindet sich in Karte 3, einem Stadtviertel Kabuls, der Hauptstadt Afghanistans, das während der russischen Besatzung und den anschließenden Kriegen zwischen Mudschahedin und Taliban fast komplett zerstört wurde. Er ist nervös, weiß nicht, was ihn erwartet.
Vor genau 20 Jahren (1988) verließ seine Mutter mit ihm und seinen vier Geschwistern das Land - ohne den Vater. „Der war von einem auf den anderen Tag verschwunden“, erinnert er sich. Warum, das wisse er nicht. Alle Verwandten, die bereits ins Ausland geflohen waren, hätten ihnen dringend geraten, möglichst schnell abzuhauen. „Wir landeten in Kassel“, so Nadjib. Kaum ein Jahr später, 1989, mit dem Ende der russischen Besatzung, begann der „Bruderkrieg“ zwischen den Mudschahedin - und das Land versank im Chaos.
„Ich will wissen, warum er nicht mit- oder nachgekommen ist“, sagt Nadjib. Außerdem sei sein Vater, Lutfull heißt er, mittlerweile 75 Jahre alt. Deshalb wolle er ihn unbedingt noch einmal in seinem Leben sehen. Es habe zwar Kontakt gegeben, allerdings nur sporadisch - und oft nur dann, wenn er in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sei. „Er lebt wohl von einem Tag auf den anderen“, vermutet Nadjib. Dabei habe sein Vater früher als angesehener Arzt und Internist in Kabul gearbeitet.
Seit zwei Tagen versucht Nadjib, seinen Vater in „ihrem“ alten Haus anzutreffen. Er trägt die traditionelle Kleidung der Afghanen, ein langes Hemd und Pluderhose. Für seinen Besuch hat er sich absichtlich einen Bart stehen lassen, der allerdings den Eindruck macht, als wolle er nicht richtig wachsen. Auch sein Dari, eine der Landessprachen in Afghanistan, klingt wie das eines Auslands-Afghanen mit deutschem Akzent, denn nachdem er in Freiburg Informatik auf Bachelor studiert hat, hängt Nadjib nun in Schweden seinen Master dran.
„Das hätte ich nicht erwartet!“, entfährt es ihm, als er zum ersten Mal sein beziehungsweise das Haus seiner Vaters sieht. Es ist total heruntergekommen. Im Dach klafft ein Loch von einem Raketeneinschlag. Alles ist kaputt und verdreckt. Einschusslöcher zieren die Wände. Er hatte das anders in Erinnerung: „Sauber, gepflegt, grüner Garten.“ Enttäuscht sei er trotzdem nicht, immerhin habe er sich das im Vorfeld ähnlich ausgemalt - vielleicht nicht ganz so krass.
Der erste Versuch, seinen Vater zu treffen, schlägt fehl. Er ist nicht da. Dafür interessieren sich die Polizisten, die in der Nähe stehen, für den „Afghanen“, der sich dieses kaputte Haus ansieht. Sie fragen ihn, was er hier wolle. „Ich komme aus Mazar-e Sharif und möchte einen Freund besuchen“, flunkert Nadjib, der seinen Vater gerne überraschen möchte. Die Polizisten glauben ihm und laden ihn zum Tee ein. „Ich gehe als Afghane durch“, freut sich der Student im Nachhinein, obwohl er ja eigentlich in Kassel aufgewachsen und deutscher Staatsbürger ist.
„Vor meinem ersten Besuch in Afghanistan war ich sehr unsicher“, sagt der Informatiker. Er habe Angst vor Anschlägen und Entführungen gehabt. Durch das Zusammentreffen mit den Menschen hier habe sich jedoch in den zwei Wochen ein anderes Bild in ihm geformt: „Die Leute sind herzlich und wahnsinnig gastfreundlich.“ Außerdem wolle die Mehrheit einfach in Ruhe und Frieden leben. „Viele haben keine Perspektive - und schlagen sich trotzdem durch.“ Mittlerweile könne er sich sogar vorstellen, in den Semesterferien in Kabul zu arbeiten: „Ich würde gerne Computerkurse geben, einfach etwas für die Bildung der Afghanen tun“, so Nadjib. Doch das sei noch Zukunftsmusik, erst einmal stehe die Begegnung mit seinem Vater an.
„Ich bin‘s, ich bin‘s“, wiederholt Nadjib, als er seinem Vater endlich gegenübersteht. Doch der braucht eine Weile, bis er seinen Sohn erkennt. Dann umarmen sie sich. Lutfull, seinem Vater, laufen Tränen über die Wangen. Auch Nadjib ist gerührt. „Ich war so nervös“, sagt der 25-Jährige, doch das sei jetzt wie weggeblasen. Zum ersten Mal seit 20 Jahren sieht er seinen Vater wieder - und betritt das Haus, in dem er den Anfang seiner Kindheit verbracht hatte.
Im ersten Stock des Hauses lebt Nadjibs Onkel mit seiner Familie. Ein Stockwerk darüber, unter dem von einer Rakete zerstörten Dach, ist die Wohnung seines Vaters. Die gesamte Familie sitzt beim Tee zusammen, auch viele Freunde sind gekommen. Alle freuen sich über das Erscheinen des „verlorenen“ Sohnes. Und doch ist die Situation nicht ganz einfach: Immerhin wolle er erfahren, warum sein Vater nie Anstalten gemacht habe, nach Deutschland zu kommen, erklärt er.
Und das diese Frage nicht einfach zu klären ist, so mal schnell in einer Woche nach 20 Jahren, erfährt der Student am eigenen Leibe: „Ich habe ihn gefragt, und immer, wenn andere Leute anwesend waren, hat er gesagt, dass er zu seiner Familie will.“ Das hätten auch seine Freunde bestätigt. In ruhigen Momenten allerdings, habe er sich ganz anders geäußert, wundert sich Nadjib. Überhaupt sei sein Vater sehr launisch und das ganze Thema ihm wohl unangenehm. In Afghanistan ist es nämlich nicht üblich, dass eine Frau ihren Mann verlässt. „Das mag in den 70ern noch möglich gewesen sein, aber heutzutage ist das schwer zu erklären“, erläutert Nadjib.
Der Plan einer Familienzusammenführung gescheitert? „Ich bin leider nicht in der Lage, ihn mitzunehmen“, sagt der 25-Jährige, was, wie er verrät, sein Plan in der Hintertasche gewesen sei. Ein Visum für Deutschland zu bekommen, sei schier unmöglich. „Außerdem habe ich das Gefühl, dass er hier gar nicht weg möchte, obwohl es ihm hier nicht gut geht.“ Sein Alter mache ihm zu schaffen. Jetzt probiert Nadjib wenigstens ein Treffen in Dubai zu arrangieren. Deshalb telefoniert er auch tagtäglich mit seiner Schwester in Deutschland. Dem Rest der Familie, vor allem seiner Mutter, habe er nichts von seiner Afghanistan-Reise erzählt: „Erst wenn ich wieder in Dubai bin, darf meine Schwester das verbreiten. Meine Mutter würde sonst vor Sorge kein Auge zu machen.“
Auch wenn er nicht wisse, ob das mit dem Treffen in Dubai klappt, habe sich die Reise gelohnt: „Ich habe nach 20 Jahren meinen Vater wiedergesehen.“ Außerdem habe sich ihm Kabul und Afghanistan von einer anderen Seite gezeigt, als er es den europäischen Medien entnommen habe. So würde nie zu Wort kommen, was positiv an Afghanistan sei, moniert der Student: „Die Menschen, die sind positiv. Wenn ein Afghane lacht, dann von innen!“ Nadjib ist sich sicher: Er wird wiederkommen - und wenn es vorab nur in den Semesterferien möglich ist. Auf das Schwänzen will er nächstes Mal verzichten.
maexn - 30. Apr, 18:53







